Auf dieser Seite finden Sie interessante Fachartikel aus aus Wirtschaft und Finanzen
Die "Riester-Lüge"
Datum: 28.07.2009
Quelle: Wirtschafts Woche
Musterrechnungen Riester <<hier klicken>>
Kaufgelegenheit für attraktive Aktienfonds (pdf Datei)
Datum: 06.07.2009
Quelle: HGW Finanzberater
Banken-Mogel bei den Zinsen (pdf Datei)
Datum: 28.05.2009
Quelle: Guter Rat
Beraten, aber verspekuliert
Datum: 09.12.2008
Quelle: ARD/PlusMinus
Bankberater packen aus: "Ich habe Sie betrogen"
Datum: 04.02.2008
Quelle: Wirtschafts Woche
hier nun die Artikel:
Die Riester-Lüge (nach oben)
Datum: 28.07.2009
Quelle: Wirtschafts Woche
Riestern lohnt sich für jeden, trommeln Banken, Versicherer und Politiker. Doch in Wahrheit kann die Riester-Rente für Sparer sogar zum Verlustgeschäft werden. Für wen sie sich lohnt – und für wen nicht.
Die junge Beraterin in der Düsseldorfer Filiale der Comdirect Private Finance wird geradezu euphorisch, als sie im Kundengespräch auf die Vorteile der Riester-Rente zu sprechen kommt. Hingen ihre Augen vorher noch am Beratungsprotokoll, strahlt sie den ratsuchenden männlichen Endzwanziger nun an. Vor allem Frauen gingen bei ihr nicht aus der Tür, ohne eine Riester-Rente abgeschlossen zu haben, erzählt sie begeistert. „Aber auch für Männer ist das eigentlich ein Muss“, schiebt sie mit Verkaufsgeschick eilig hinterher.
Mit ihrer Euphorie steht die Direktbankerin nicht alleine da. Für kein anderes Produkt wird an Bankschaltern derzeit so intensiv geworben wie für die Riester-Rente. Versicherer flankieren die Beratungsoffensive mit einem Werbefeldzug, und selbst die Politik lässt kaum eine Gelegenheit aus, die staatlich geförderte private Altersvorsorge anzupreisen.
Das zeigt Wirkung: Längst hat sich in den Köpfen der deutschen Verbraucher festgesetzt, dass die Riester-Rente sich für jeden rechne. Schön blöd, wer auf staatliche Geschenke in Form von Zulagen und Steuervorteilen verzichtet, meinen viele. Mehr als zwölf Millionen haben deshalb schon seit Einführung im Jahr 2002 einen Riester-Vertrag abgeschlossen - Tendenz immer noch steigend.
Minusgeschäft nicht ausgeschlossen
Doch die pauschale Wrbebotschaft, riestern rechne sich für jeden, ist falsch. Denn in vielen Fällen ist die Riester-Rente am Ende ein Minusgeschäft. Das belegen Musterrechnungen <<hier klicken>>, die Klaus Jaeger, Riester-Experte und Professor für Wirtschaftstheorie an der Freien Universität Berlin, exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt hat.
So muss ein 30-jähriger Riester-Fondssparer mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von 52.500 Euro 92 Jahre alt werden, um seine eigenen Beiträge samt Zinsen als Rente ausgezahlt zu bekommen. Tatsächlich hat ein derzeit 30-jähriger Mann nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes aber eine Lebenserwartung von nur 78 Jahren, Frauen sterben im Durchschnitt mit 83 Jahren. Es sei besonders für Männer „sehr schwierig, so alt zu werden, dass sich die Riester-Rente lohnt“, sagt Jaeger.
Persönliche Lebenssituation ist wichtig
Wer früh stirbt, hat mit Riester häufig sogar draufgezahlt. Dieses Risiko besteht vor allem bei Riester-Rentenversicherungen, wenn keine garantierte Mindestleistungsdauer, also eine im Todesfall vererbbare Rente, oder ein anderer Hinterbliebenenschutz vereinbart worden ist. Erben gehen dann leer aus, selbst wenn nur ein kleiner Teil der über Jahrzehnte eingezahlten Beiträge ausgezahlt worden ist. „Ob Riester Vorteile bietet, hängt von der persönlichen Lebenssituation ab“, sagt der Berliner Finanzmathematiker Axel Kleinlein.
Die Finanzbranche stört das nicht, sie preist Riester als die einzig selig machende Altersvorsorge an. Die hauseigene Riester-Rentenversicherung lohne sich „für jeden“, trommelt beispielsweise der Ostdeutsche Sparkassenverband in einer großangelegten Werbekampagne. Konkrete Beispiele sollen den Kunden verführen: Tommy, fiktive 19 Jahre alt und angehender Kfz-Mechatroniker, bekomme bei Abschluss einer Riester-Rente 10.600 Euro „geschenkt“. Die erdachte Callcenter-Agentin Lena, 29, und ihre fünf Jahre alte Tochter Leonie dürften sich über 11.800 Euro freuen.
Insgesamt vier Musterfälle haben die Sparkassen berechnet, die Ergebnisse für die Werbefiguren Tommy, Lena, Rolf und Gabriele stellen sie auf Internet-Seiten, Plakaten und in Prospekten vor. Die einfache Botschaft an die Kunden: Mit der Riester-Rente bekommen Sie Geld hinterhergeschmissen. Wer davor weglaufe, sei selber schuld. Warum Riester tatsächlich so stark beworben wird, erschließt sich erst demjenigen, der die Informationsbroschüre der » von den Sparkassen teuer bezahlten Werbeagentur studiert. Fettgedruckt heißt es da: Riester – „Gut. Für den Vertrieb.“
So unterscheidet sich die Riester-Rente nicht von anderen, werblich stark angepriesenen Finanzprodukten: Verkäufern spült die Zusatzrente hohe Provisionen in die Kassen. Sie gilt zudem als Türöffner, um den Kunden im Anschluss leichter weitere Produkte zu verkaufen.
Selbst Walter Riester, Ex-Bundesarbeitsminister und Namensgeber der geförderten Altersvorsorge, hält die Provisionen für einen wesentlichen Treiber des Booms. Der Gesetzgeber erlaubte den Anbietern von Riester-Policen von 2005 an, die Abschlusskosten auf fünf statt auf zehn Jahre zu verteilen – Provisionen fließen also doppelt so schnell. Seitdem verkauft sich die Riester-Rente „plötzlich wunderbar“, sagt der Namenspatron.
Sparer nur scheinbar im Vorteil
Der ehemalige CDU-Sozialminister Norbert Blüm bezeichnet die Erfindung seines Nachfolgers dagegen als „Sündenfall“. Es gebe nur zwei Gewinner, so Blüm Mitte Juli in einem Beitrag für „Die Welt“: die Arbeitgeber, die sich im Gegensatz zur gesetzlichen Rentenversicherung nicht an der geförderten Altersvorsorge beteiligen – und die Finanzbranche. Der Gründer des mächtigen Finanzvertriebs AWD, Carsten Maschmeyer, soll die Riester-Rente als „Goldquelle“ bejubelt haben.
Während die Finanzbranche garantiert vom Riester-Boom profitiert, sieht es bei den Sparern anders aus. Sicher: Sie bekommen tatsächlich Geld vom Staat. Wer vier Prozent seines Bruttoeinkommens einzahlt, erhält eine staatliche Zulage von 154 Euro, pro Kind gibt es einen weiteren Zuschuss. Dazu kommen häufig noch Steuervorteile.
Stundung statt Gewinn
Geschenkt ist das Geld jedoch so gut wie nie. Was viele Sparer unterschätzen: Einen großen Teil der Zulagen und Steuervorteile, die ihnen während des Berufslebens zufließen, holt sich der Staat später zurück – in Form einer vollen Besteuerung der Riester-Rente im Alter. Die Steuervorteile entpuppen sich damit zum größten Teil als bloße Stundung.
In den Werbebroschüren der Banken und Sparkassen ist davon nichts zu lesen. „Bei vielen Riester-Darstellungen wird nur die Ansparphase betrachtet, was danach passiert, unterschlagen die Anbieter“, klagt Finanzmathematiker Kleinlein. Das gilt nicht nur für die Anbieter, sondern auch für die Politik: Das Bundesfinanzministerium beendet eine „Beispielrechnung zum Riestern“ mit dem Ruhestandsbeginn. Und die Bundesregierung verkündet im Internet: „Ganz wichtig ist festzuhalten, dass Riester-Sparern mindestens ihre eigenen Einzahlungen erhalten bleiben.
Und durch die Zulagen haben sie in jedem Fall eine positive Rendite.“ Ein lohnendes Investment ist die Riester-Rente in erster Linie für Sparer mit Kindern und niedrigem Gehalt. So profitiert ein 30-jähriger Riester-Sparer mit zwei Kindern und einem Jahreseinkommen von 18.000 Euro schon vom 71. Lebensjahr an von der staatlichen Förderung, während ein gleichaltriger kinderloser Riester-Fondssparer mit Einkünften von 52.500 Euro eben 92 Jahre alt werden muss.
Ursachen für die horrenden Unterschiede zwischen Werbung und Wirklichkeit sind die Systematik der Riester-Rente und das komplexe Wechselspiel zwischen staatlichen Zuschüssen und Steuervorteilen. So muss der Sparer mit zwei Kindern und 18.000 Euro Einkommen 720 Euro pro Jahr in seinen Riester-Vertrag einzahlen, damit er die volle staatliche Förderung bekommt. Da er Anspruch auf 639 Euro Zulagen für sich und die beiden Kinder hat, muss er nur 81 Euro aus eigener Tasche zuschießen.
Zusätzliche Steuervorteile hat er dann aber nicht mehr: Theoretisch kann er zwar den Gesamtbeitrag von 720 Euro von der Steuer absetzen, was zu einer Steuerersparnis von 194 Euro führen würde. Aber da das Finanzamt alle gezahlten Zulagen vom Steuerbonus abzieht, bleibt von der Steuerersparnis nichts mehr übrig. Immerhin: Der Geringverdiener profitiert massiv von den Zulagen – und die fallen in Relation zu seinem eigenen Sparbeitrag sehr hoch aus.
Gutverdiener sind im Nachteil
Ganz anders stellen sich kinderlose Gutverdiener. Sie kassieren eine Zulage von nur 154 Euro, erhalten aber einen hohen Steuerzuschuss von 725 Euro. Bei einem Gesamtbeitrag von 2.100 Euro zahlen sie also nur 1.221 Euro aus der eigenen Tasche. Das liest sich zunächst gut. Jedoch: Wegen der schlechteren Relation von Eigenbeitrag zu staatlicher Förderung (1.221 Euro zu 725 Euro plus 154 Euro Zulage) muss der Gutverdiener 21 Jahre länger warten als der Geringverdiener mit Kindern, bis er seine Eigenleistung verzinst zurückbekommen hat.
Gutverdiener fahren auch mit Kindern nicht besser. Da das Finanzamt die erhaltenen Kinderzulagen vom Steuervorteil abzieht, profitieren sie bei der Riester-Rente oft nicht von ihren Kindern. Wenn ein Riester-Sparer mit 52.500 Euro Einkommen Nachwuchs bekommt, senken die Kinderzulagen den Steuerbonus um den gleichen Betrag. Erst weitere Kinder hauchen dem Riester-Vertrag dann wieder einen positiven Effekt ein. Hinzu kommt, dass der steuerlichen Förderung eine spätere Steuerlast gegenübersteht. Nur wenn der Steuersatz im Alter sehr viel niedriger sein sollte als während des Berufslebens, ergeben sich echte Steuervorteile. Dann sparen die Riester-Kunden über die Steuervorteile im Berufsleben mehr ein, als sie später draufzahlen.
Hohe Gebühren, magere Renditen
Aber darauf sollte niemand bauen - vor allem, weil die Steuersätze im Alter in Zukunft steigen werden. Schließlich wird die gesetzliche Rente schrittweise höher besteuert: Wer 2020 in den Ruhestand geht, muss sie bereits zu 80 Prozent versteuern. Wenn zusätzlich noch eine Betriebsrente oder Mieteinnahmen zu erwarten sind, müssen Anleger im Alter in jedem Falle mit einem hohen persönlichen Steuersatz rechnen, warnt Steuerberater Hans Schnellhammer von Ecovis in Passau. „Riester-Produkte nur wegen des Steuervorteils abzuschließen ist unsinnig.“
Die meisten Riester-Sparer haben sich bisher für die Variante der Rentenversicherung und nicht für einen Bank- oder Fondssparplan entschieden. Der Anteil der Rentenversicherungen an den Riester-Verträgen liegt bei 75 Prozent, insgesamt haben die Versicherten 2008 rund 4,6 Milliarden Euro eingezahlt.
Doch bei Rentenversicherungen fallen hohe Gebühren bei mageren Renditen an – daran ändert auch die staatliche Förderung nichts. Im Gegenteil: „Für Riester-Verträge berechnen die Anbieter oft sogar höhere Gebühren als für klassische Rentenversicherungspolicen, die nicht staatlich bezuschusst sind“, kritisiert Mark Ortmann, Geschäftsführer des unabhängigen Berliner Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge. Als Argument führen die Versicherer den vergleichsweise hohen Aufwand bei niedrigen Sparbeiträgen an. Doch das Argument greift längst nicht mehr, weil die Sparbeiträge deutlich gestiegen sind: Während Riester-Versicherte 2002 die staatliche Förderung für maximal 44 Euro pro Monat beanspruchen durften, gilt dies heute für bis zu 175 Euro.
Ein weiterer erheblicher Nachteil prinzipiell aller Rentenversicherungen: Die Versicherer kalkulieren mit hohen Lebenserwartungen - was dazu führt, dass die monatlichen Rentenzahlungen niedriger ausfallen. Versicherungsmathematiker Peter Schramm aus Kronberg im Taunus schätzt: „Bei den klassischen Rentenpolicen rechnen die Versicherungen mit zwei bis drei Jahren mehr Lebenserwartung als im Bevölkerungsschnitt, weil privat Rentenversicherte in der Regel besser verdienen und länger leben.“ Dass diese Praxis auch bei Riester gelte, sei unverständlich. Riester-Anbieter zielten nicht nur auf sehr gut verdienende Kunden ab, sondern auch auf Sparer mit geringen bis mittleren Einkommen, die statistisch oft unter der durchschnittlichen Lebenserwartung bleiben.
Die Unternehmen berufen sich darauf, dass ein Puffer bei den Lebenserwartungen notwendig sei, um auch in Zukunft lebenslang die versprochenen Renten auszahlen zu können. Sie stützen sich bei ihren Berechnungen auf die von der Deutschen Aktuarvereinigung, dem Zusammenschluss der Versicherungsmathematiker, vorgegebenen Richtwerte. Fest daran gebunden sind sie jedoch nicht.
Alternativen zur Rentenversicherung
Problematisch ist, dass die Versicherer von jedem Riester-Sparer profitieren, der früher als kalkuliert stirbt. Denn das verbleibende Guthaben fließt in den Topf der sogenannten Risikogewinne. Einen Großteil davon müssen die Versicherer zwar den noch lebenden Kunden gutschreiben, ein Viertel können sie im Todesfall jedoch behalten.
Immer mehr Anleger weichen angesichts der Nachteile der Rentenversicherungen auf Alternativen aus. Günstiger weg kommen sie beispielsweise, wenn sie sich für einen Riester-Banksparplan entscheiden. Diese Produkte werden bislang allerdings nur von wenigen Sparkassen und Volksbanken angeboten. Ein deutlich breiteres Angebot gibt es bei Fondssparplänen, die sich deshalb einer zunehmenden Beliebtheit erfreuen. Der Anteil der Riester-Fondssparer stieg seit 2002 von 5 auf 20 Prozent.
Die Tücken der Riester-Fondssparpläne
Was viele Sparplan-Kunden jedoch nicht ahnen: Wer einen Sparplan wählt, bekommt immer auch eine Rentenversicherung. Zwar fließt die Rente bei Fonds- und Banksparplänen bis zum 85. Lebensjahr aus einem Entnahmeplan, also direkt aus dem angesparten Vermögen.
Damit ein Riester-Sparer aber wirklich lebenslang seine Rente erhalten kann, schließen die Anbieter bei Rentenbeginn eine Rentenversicherung für ihn ab, die ab dem 85. Lebensjahr einspringt und die weiteren Auszahlungen übernimmt. Somit müssen auch Riester-Kunden, die sich bewusst gegen eine Riester-Rentenversicherung entschieden haben, mit genau deren Nachteilen leben.
Riester-Fondssparpläne sind außerdem nicht ohne Tücken. Da die Anbieter ihren Kunden zum Ruhestandsbeginn mindestens das eingezahlte Geld – also die selbst gezahlten Raten sowie die staatlichen Zulagen und Steuerboni – garantieren müssen, kann sie ein zwischenzeitlicher Kursrutsch an den Aktienmärkten dazu zwingen, Vermögen umzuschichten. Das bedeutet dann in der Regel, dass sie für die Kunden Aktien verkaufen und weniger risikoreiche Wertpapiere kaufen, etwa Pfandbriefe oder Staatsanleihen.
Das Problem: Der Ausstieg an den Börsen erfolgt oft zu besonders niedrigen Kursen. Wenn sich die Börse danach erholt, profitieren die Fondssparer davon nicht mehr. Genau das passierte im März rund 350.000 meist älteren Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken mit Verträgen bei der Fondsgesellschaft Union Investment. Um sie vor weiteren Verlusten zu bewahren, verkaufte Union Investment alle Aktien und erwarb stattdessen Anleihen. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Seit März haben sich die Aktienkurse auf breiter Front erholt, allein der Dax ist um 40 Prozent gestiegen. Zwar können neu gezahlte Sparraten nun wieder in Aktien fließen. Das bereits angesparte Guthaben liegt jedoch bis zum Ruhestandsbeginn in Rentenpapieren – relativ sicher, aber auch niedrig verzinst.
Wer genug vom klassischen Riestern per Rentenversicherung oder Sparplan hat, kann entweder kündigen oder den Vertrag ruhen lassen.
Wohn-Riester: attraktive Alternative?
Hauskäufer können sich aber auf elegantere Weise eines unrentablen Riester-Vertrags entledigen. Der Clou: Riester-Sparer dürfen eine Rentenversicherung oder einen Sparplan in ein sogenanntes Wohn-Riester-Modell umwandeln. Bis Ende dieses Jahres müssen dafür jedoch wenigstens 10 000 Euro im Vertrag angespart worden sein. Wer einen Immobilienkauf plant, sollte diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Wie bei jedem Wechsel zwischen Riester-Verträgen fallen je nach Anbieter allerdings Gebühren an.
Der Wohn-Riester wurde 2008 eingeführt. Bauherren und Immobilienkäufer können eine selbst genutzte Immobilie über spezielle Riester-Darlehen oder Bausparpläne finanzieren. Bislang haben insgesamt 34.000 Riester-Kunden einen solchen Vertrag abgeschlossen. Anders als bei den übrigen Riester-Modellen fließen die staatlichen Zulagen und die steuerlich geförderten Eigenbeiträge bei Riester-Immobiliendarlehen nicht in einen Anlagetopf, sondern in die Tilgung des Kredits.
Die Wohn-Riester-Darlehen halten viele Experten für attraktiver als alle anderen Riester-Varianten, darunter auch Bausparpläne, denn jeder Beitrag hilft dem Anleger beim Abzahlen des Kredits und erspart ihm sicher die sonst anfallenden Hypothekenzinsen von derzeit vier bis fünf Prozent. Zum Vergleich: Rentenversicherer auf Riester-Basis bieten ihren Kunden nach Kosten nur einen Garantiezins von rund zwei Prozent. Außerdem ist die Besteuerung der Wohn-Riester-Darlehen vorteilhaft.
Verluste auch bei Wohn-Riester möglich
Alle geförderten Summen, die eigenen Beiträge samt Steuerboni und die staatlichen Zulagen, werden auf einem fiktiven Verrechnungskonto, dem Wohnförderkonto, verbucht und dort bis Ruhestandsbeginn mit zwei Prozent verzinst. Von Rentenbeginn an muss der Anleger diese recht gering aufgezinste Summe versteuern. So spart der Riester-Kunde. Denn die rechnerisch angesetzten zwei Prozent liegen deutlich unter den derzeitigen Hypothekenzinsen von vier bis fünf Prozent. „Wohn-Riester-Darlehen sind wegen der Zulagen und Steuervorteile häufig attraktiver als ein klassischer Baukredit“, sagt der Experte für Baufinanzierungen Torsten Sabitzer aus Zwönitz bei Chemnitz.
Um mit den Riester-Darlehen mitzuhalten, muss ein ungeförderter Kredit einen Zinsvorteil von etwa 0,5 Prozentpunkten bieten, hat Sabitzer für einen Musterfall errechnet. Ein so günstiges ungefördertes Darlehen ist derzeit nicht zu haben, das Wohn-Riester-Darlehen also lohnend. Nur die Auswahl für Letztere ist gering. „Viele Banken und Sparkassen bieten lieber die für Anleger meist ungünstigeren Riester-Bausparverträge an, weil sie damit mehr verdienen können“, sagt Sabitzer.
Das jüngste Kind des Riester-Clans, der Wohn-Riester, ist für Sparer also am ehesten ein geeigneter Ausweg aus der Rentenfalle. Ganz ohne Tücken ist er aber trotzdem nicht: Sinkt der Wert der gekauften Immobilie, sind auch mit Wohn-Riester Verluste möglich. Nur wer in der Immobilie wohnen bleibt, spart sich die sonst fällige Miete. Wegziehen ist sowieso eine schlechte Idee, denn wer die geförderte Immobilie nicht selbst bewohnt oder zumindest bis zum 67. Lebensjahr wieder einzieht, muss unter Umständen alle staatlichen Zuschüsse und Steuervorteile zurückzahlen. Ganz ohne Fußfesseln kommt eben keine staatlich geförderte Altersvorsorge aus.
Er gehört zu Europas größten Finanzdienstleistern: AWD mit Sitz in Hannover. Rund 6.000 Mitarbeiter vertreiben Lebensversicherungen oder Geldanlagen zur Altersvorsorge. Doch die Praktiken des AWDs sind umstritten: Verbraucherschützer warnen vor aufdringlichen Verkaufsmethoden. Dass dahinter noch ein anderes System steckt, berichten ehemalige Mitarbeiter. Der AWD hätte sie in die Schuldenfalle getrieben.
Beraten, aber verspekuliert (nach oben)
Datum: 09.12.2008
Quelle: ARD/PlusMinus
Hintergrund ist das AWD-eigene Honorarsystem: die sogenannte Linearisierung. Handelsvertretern werden Provisionen auf Vorschussbasis gezahlt. Werden sie hinterher nicht ins Verdienen gebracht, müssen sie zurückgezahlt werden. "Die meisten Mitarbeiter schreiben mir, dass sie das Gefühl gehabt hätten, dass sie angestellt gewesen wären. Sie hätten sich auch für eine Angestelltenposition beworden und hätten dann Geld bekommen, die haben gar nicht begriffen, was da läuft", sagt Ingrid Benecke. Sie war früher selbst beim AWD und ist nun Vorsitzende eines Aussteiger-Vereins.
Ehemalige AWD-Handelsvertreter haben sich in Organisationen wie dem "Verein der ehemaligen AWD-Mitarbeiter" oder "No AWD" (noawd.net) zusammengeschlossen und berichten über ihre Zeit beim Finanzdienstleister.
Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter, der anonym bleiben will, berichtet: "Viele begreifen das gar nicht schnell genug und schon sind sie in der Schuldenfalle." Die Konsequenz kennt er aus eigener Erfahrung: "Es ist natürlich so, dass man nur noch Produkte mit hohen Provisionen verkauft. Das ist ganz klar. Es wird natürlich versucht, jedem einen geschlossenen Fonds aufzudrücken. Wirklich jedem."
Und diese Produkte sind hochriskant und in der Regel nicht geeignet für Kleinanleger, das Hauptklientel von Finanzdienstleistern wie dem AWD. Wirtschaftsdetektiv Medard Fuchsgruber beobachtet seit Jahren den AWD und weiß, dass in den Ruin getriebene Kunden keine Einzelfälle sind. "Die Größenordnung ist natürlich schon überwältigend. Kritische Produkte wie den Dreiländerfonds hat der AWD über 10.000 Kunden vermittelt und im Bereich Falk-Fond und Medienfonds sind es Tausende. Es ist eine Masse der Kundschaft, die inzwischen große Probleme hat." Denn einige dieser ehemaligen Glanzprodukte des AWD sind inzwischen insolvent, das Geld vieler Anleger damit häufig verloren.
Der AWD bestätigte gegenüber Plusminus schriftlich, dass er nach wie vor zur Honorar-Praxis des linearisierten Provisionsvorschusses für seine Handelsvertreter steht: "Die von AWD (...) gezahlten linearisierten Provisionsvorschüsse sind eng mit der Vermittlungstätigkeit der Berater für AWD verknüpft." Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Sofern von AWD gezahlte Vorschüsse (...) nicht verdient worden sind, sind diese – wie branchenüblich – von den Beratern des AWD zurückzuzahlen." Zum Vertrieb geschlossener Fonds an Kleinanleger will der AWD aus datenschutzrechtlichen Gründen keine detaillierten Informationen nennen und verweist auf die bereits lange zurück liegenden Verkaufszeiträume.
Bankberater packen aus: “Ich habe Sie betrogen“ (nach oben)
Datum: 04.02.2008
Quelle: Wirtschafts Woche
In vielen Filialen deutscher Banken herrschen Zustände wie in einer Drückerkolonne.
Jetzt packen Bankberater aus: Wie sie Kunden belügen, weil sie dem Vertriebsdruck, den Drohungen und Demütigungen ihrer Vorgesetzten nicht mehr gewachsen sind. Sie sind Opfer und Täter zugleich. Der Report über ein Tabuthema.
Besser könnte der Eindruck nicht sein. Eine Dame in dunklem Anzug kommt dem Bankkunden schwungvoll entgegen. Karina B.* ist um die 30 und Privatkundenbetreuerin einer Filiale der SEB Bank im Ruhrgebiet. Sie lächelt verbindlich, nimmt den Kunden in der Eingangshalle mit festem Händedruck in Empfang und führt ihn zu ihrem tadellos aufgeräumten Schreibtisch. Bei einer Tasse Kaffee erkundigt sich Karina B. nach dem persönlichen Befinden – „und was machen die Kinder?“ Sie kennt den Kunden gut, sie weiß, was er auf der hohen Kante hat. Deswegen hat sie ihn ja heute eingeladen. Nach wenigen Minuten lenkt sie das Gespräch auf eine „ganz besondere Anlagechance“, ein Zertifikat für 10.000 Euro. Das, sagt sie, sei genauso sicher wie Festgeld, die Rendite garantiert, genau das Richtige für ihn. Der Kunde ist schnell überzeugt: „Wenn Sie das sagen, wird es schon stimmen.“
Ein Fehler. Das Produkt, das ihm Karina B. gerade verkauft hat, ist in Wahrheit hoch spekulativ. Das Geld ist genauso wenig sicher wie die versprochene Rendite. Die schicke Dame hat ihren Kunden eiskalt angelogen. Am Morgen hatte ihr Chef die Devise ausgegeben, jeder Berater der Filiale müsse ein 10.000-Euro-Zertifikat verkaufen. Und Karina B. weiß: Wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten will, muss sie die Vorgaben erfüllen. Egal wie. Die SEB wollte zu dieser Verkaufspraxis keine Stellungnahme abgeben.
So beschreibt Karina B. ihren Arbeitsalltag. Die WirtschaftsWoche hat in den vergangenen Monaten Dutzende von Filialangestellten verschiedener Banken in Deutschland interviewt – von Commerzbank und HypoVereinsbank bis zur schwedischen SEB, von der kleinen Weberbank in Berlin bis zur Deutschen Bank und den großen Sparkassen. Karina B. ist eine von ihnen, die in langen Gesprächen ausgepackt haben: über die Angst vor Kollegen und Vorgesetzten und darüber wie sie Kunden Produkte aufschwatzen, die diese gar nicht brauchen. Der WirtschaftsWoche liegen interne Mails und Papiere vor, die belegen, dass in der vermeintlich seriösen Branche nicht selten Zustände herrschen wie in einer Drückerkolonne.
Der Fall des Derivatehändlers Jérôme Kerviel, dessen betrügerische Spekulationen seine Bank, die französische Société Générale, 4,9 Milliarden Euro kosteten, sorgte in den vergangenen Tagen weltweit für Schlagzeilen. Ein solch gigantisches Betrugsvolumen ist ein Ausnahmefall. Allerdings, das belegen Recherchen der WirtschaftsWoche, gehören Tricksereien zum Alltag des Bankgeschäfts. Sicher: Nicht jeder Bankmitarbeiter bedient sich unlauterer Methoden, um die von ihm geforderten Ziele zu erreichen. Doch die wachsende Vertriebsnot in den Filialen treibt viele Mitarbeiter gerade dazu an. Zum Schaden der Banken – vor allem aber der Kunden.
Es ist ein ausgeklügeltes System individueller Vertriebsziele – unterfüttert mit Drohungen und Demütigungen –, das den Traumjob Banker für viele Privatkundenberater zum Albtraum macht. Und für die Kunden den Besuch einer Filiale zum unkalkulierbaren Risiko. Denn aus dem Berater von früher ist ein Verkäufer geworden, der oft leichtes Spiel hat: „Wenn sich jemand ein Auto kauft, vergleicht er vorher die Preise, wenn jemand ein Bankprodukt kauft, tut er das nicht“, sagt ein Berater der Berliner Weberbank. Deshalb funktioniert der Vertriebsdruck der Banken so gut“, sagt Friedrich Schade, der 15 Jahre lang angestellter Banker bei verschiedenen Instituten war und heute für einen Finanzdienstleister arbeitet. „Die Menschen vertrauen den Bankern oft blind.“ Sie verzichten darauf, sich Verträge durchzulesen, Renditen zu vergleichen oder sich bei verschiedenen Banken beraten zu lassen.
Die individuellen Vertriebsziele unterscheiden sich von Bank zu Bank: Einige Institute fordern von ihren Mitarbeitern, ein bestimmtes Ertragsziel zu erfüllen, andere schreiben den einzelnen Beratern genau vor, wie viele Lebensversicherungen, Kredite oder Fonds sie pro Woche verkaufen müssen und für wie viele Neukunden sie zu sorgen haben. Und diese Vorgaben haben sie zu erfüllen. Irgendwie. Sie stehen unter ständiger Beobachtung ihrer Vorgesetzten, müssen sich rechtfertigen, wenn ein Kunde die Filiale verlässt, ohne einen Vertrag abzuschließen. In den Aufenthaltsräumen einiger Filialen hängen Mitarbeiter-Rankings aus, die schlechte Verkäufer bloßstellen. Oft wird auch mit Kündigung gedroht.
„Wenn es darauf ankommt, verkaufen wir einem Eskimo einen Kühlschrank“, sagt Claudia S.*, langjährige Mitarbeiterin der Dresdner Bank. „Signalisiert der Vorgesetzte, dass er Sie schon irgendwie aus dem Job kriegt, falls Sie die Ziele nicht erreichen“, sagt ein Betriebsrat einer Frankfurter Großbank, „dann kommt es eben so weit.“ Die Dresdner Bank möchte die Äußerung ihrer Mitarbeiterin nicht kommentieren.
Karina B. und viele ihrer Kollegen bei anderen Banken empfehlen den Kunden, neue gegen alte Aktien zu tauschen, auch wenn es gar nichts bringt; sie drehen den Kunden Zertifikate an, selbst wenn Fest- oder Termingelder sinnvoller wären; sie drängen zum Abschluss überflüssiger Versicherungen. Und all das nur, weil sie die Produkte aktuell noch verkaufen müssen oder der Bank hohe Provisionen winken.
„Die Zahl von Falschberatungen hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Eva Raabe, Bankenexpertin bei der Verbraucherzentrale Hessen. Viele Banker, mit denen sie spricht, würden ganz offen sagen: „Wir müssen doch unsere Ziele erreichen.“ Genau darin liegt für Kritiker das Problem: „Die Mitarbeiter würden anfangen, den Kunden Produkte anzudrehen, die sie nicht brauchen“, sagt ein Sprecher der ING Diba, die auf individuelle Vertriebsziele verzichtet. „Eine solche Kultur wollen wir nicht bei uns.“ Das Institut ist so immerhin Direktbank-Marktführer in Deutschland geworden.
Auch bei der GLS Bank in Bochum, die sich auf ethisch-ökologische Investitionen spezialisiert hat, gibt es die umstrittenen Vorgaben nicht. „Die individuellen Ziele können Mitarbeiter so unter Druck setzen, dass der Kunde die für ihn falschen Produkte angedreht bekommt“, sagt GLS-Chef Thomas Jorberg. „Mit vorgegebenen aggressiven Vertriebsmethoden schafft ein Vertriebsverantwortlicher die Voraussetzung für unzufriedene Kunden und Schäden durch Falschberatung.“
So wie im Fall Karina B. Das 10.000-Euro-Zertifikat hat sie heute schon verkauft. Nun sitzt ein Neukunde vor ihr. Der Mann plaudert offen über seine Vermögenssituation, wo er investiert hat und wo nicht. Vor allem aber erfährt Karina B., wie gut er informiert ist – wie weit sie also bei ihm gehen kann.
Sie empfiehlt ihm, sein Gespartes in einen Fonds einzuzahlen. Und da er, wie er sagt, jeden Monat einige Hundert Euro übrig hat, soll er gleich noch einen Fonds-Sparplan abschließen. Um seine Altersvorsorge müsse er sich ebenfalls kümmern: „Sie wollen mit 65 doch nicht jeden Cent dreimal umdrehen müssen?“ Natürlich nicht. Genauso wenig will er sich die Top-Rendite der Fonds entgehen lassen, die Karina B. ihm prophezeit.
Trotzdem. Heute unterschreiben will er nicht. Er möchte sich die Unterlagen zu Hause noch einmal in Ruhe durchsehen. Für Karina B. ist das eine Katastrophe.
Sie muss den Kunden irgendwie überzeugen, auch wenn sie nur allzu gut versteht, dass er nichts überstürzen will. Denn wenn er jetzt nicht unterschreibt, wird sie gleich ihrem Chef erklären müssen, warum sie in dieser Stunde keinen Ertrag für die Bank erwirtschaftet hat. Erfahrungsgemäß kommt der Kunde zwar wieder, das Geschäft verzögert sich nur um ein paar Tage. Doch sie darf ihm nicht dazu raten, die Unterlagen daheim noch einmal in Ruhe zu lesen. Ihr Chef hat früher schon einmal deutlich gemacht, dass er solch „geschäftsschädigendes Verhalten“ nicht duldet: „Wenn Sie das noch einmal machen, gibt es eine Abmahnung“, drohte er damals. Die SEB möchte über diesen Aspekt der Vertriebspraxis keine Stellungnahme abgeben.
Karina B. muss, so berichtet sie, wöchentlich einen Rohertrag, abzüglich aller Kosten, in Höhe von rund 1500 Euro erwirtschaften. Mit den individuellen Vertriebszielen konfrontiert, beharrt die SEB auf ihrer Vertriebsphilosophie: „Natürlich messen wir auch Produktabschlüsse. Vertriebs- und Ergebnisorientierung bedeutet für die SEB Bank auch, Mitarbeiter an den Vertriebserfolgen zu messen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.
Die Vorgaben von Karina B. sind in Einzelziele für die verschiedenen Produktkategorien unterteilt. Pro Woche musste sie im vergangenen Jahr, wie aus internen Dokumenten hervorgeht, im Durchschnitt 1,3 Konsumentenkredite über 12.000 Euro verkaufen, dazu 0,4 Restschuldversicherungen, 1,4 neue Kunden musste sie werben. Solche Vorgaben gibt es für jedes Produkt.
Zu ihren eigenen Verkaufsvorgaben muss Karina B. auch die der Filiale erfüllen, also die Schwäche anderer Kollegen ausgleichen. Von der SEB heißt es dazu, dass es zu einer ertragsorientierten Organisation gehöre, „Vertriebsziele für Standorte zu definieren, nachzuhalten und zu überprüfen. Im Vordergrund stehen die Teamleistung und das Teamergebnis“.
Was Karina B. gerade ihren Kunden empfiehlt, orientiert sich auch daran, in welchen Kategorien sie oder die Filiale aufholen müssen. Am 3. Mai vergangenen Jahres schreibt ein Vorgesetzter an die Mitarbeiter eine E-Mail, die der WirtschaftsWoche vorliegt: „Im Vorsorgebereich ist die Produktion für diese Woche bei 0“, heißt es da. „Auch die Vorwoche hat nicht zum 100%igen Ergebnis geführt. Die Aktivitäten sind umgehend in Form von Cross- Selling aus den vorhandenen Terminen sowie Termingenerierung sofort zu erhöhen.“ Am 7. Mai heißt es in einer weiteren Alarm-E-Mail, die Wochenplanung bedinge „eine Erhöhung der Produktion im Sofortkreditgeschäft“. Und im Vorsorgegeschäft „ist die wöchentliche Produktion zu 100% zu erbringen, d.h. tägliche Produktion“. Zwei Tage später dann die Ermahnung, sich weiter auf Sofortkredite und Vorsorge zu konzentrieren, „hier reicht es noch nicht aus. Wir brauchen hier noch ein paar Tickets für die Woche“.
Noch vor zehn Jahren sah die Bankenwelt anders aus. „Damals wurden auch Ertragsziele formuliert, allerdings für das ganze Jahr“, sagt Ex-Banker Schade. „Wir hatten genügend Zeit, um die Leute anzusprechen und interessengerecht zu beraten. Trotzdem haben wir jedes Jahr unsere Ergebnisse gesteigert.“ Ziele für einzelne Produkte habe es nicht gegeben. Es war kein Problem, wenn der Wertpapierexperte mehr Wertpapiere und der Versicherungsfachmann mehr Versicherungen verkaufte.
Die großen Gewinne machten die Banken damals ohnehin im Investmentbanking. Als diese Einnahmequelle nach dem Börsencrash 2001 zunächst nicht mehr so viel abwarf und die Provisionen nicht mehr von alleine flossen, sollten die Privatkunden mehr Produkte kaufen und die Gewinneinbrüche mildern.
Vor dem Problem standen alle Banken weltweit, doch in Deutschland ist der Privatkundenmarkt aufgrund der starken Position der Sparkassen und Genossenschaftsbanken besonders umkämpft. Gerade Geschäftsbanken, die über Jahre ihre Privatkunden vernachlässigt hatten, versuchten in den vergangenen Jahren mit niedrigen Kreditzinsen und hohen Guthabenzinsen Privatkunden zu Ködern.
Das hat zu einem Preisverfall geführt, der Zinsüberschuss – der Gewinn aus dem klassischen Bankgeschäft, dem Leihen und Verleihen von Geld – sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich (siehe Grafik). Daher sind die Institute stärker auf Provisionen aus der Vermittlung etwa von Fonds oder Versicherungen angewiesen. Dieses Geschäft anzukurbeln ist die Hauptaufgabe der Berater in den Filialen, wo „gerade bei den großen Banken oft gnadenloser Druck herrscht“, sagt Schade. „In den vergangenen Jahren sind die Renditeerwartungen im Privatkundengeschäft sehr deutlich gestiegen“, sagt Uwe Foullong, Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi und zuständig für Finanzdienstleistungen, „der Verkaufsdruck auf die Mitarbeiter ist spürbar stärker geworden.“
Morgens acht Uhr, eine Filiale der Commerzbank im Ruhrgebiet. Privatkundenberater Gisbert W.* hat am Wochenende kaum geschlafen, immer wieder ist er aufgewacht und musste an diesen Montag denken. Wie soll er seinen Kollegen erklären, dass er zwar Wertpapieren aber nicht so geklappt hat? Alle Vertriebsmitarbeiter treffen sich nun zum Gruppengespräch. Sie sitzen auf ihren Bürostühlen, die sie im Kreis aufgestellt haben.
Der Filialleiter berichtet, welche Produkte das Team in der vergangenen Woche verkauft und wie viel Ertrag das gebracht hat. Dann schaut er jeden einzelnen Mitarbeiter im Kreis an und spricht es aus: „Das waren 98 Prozent dessen, was Sie zu erreichen hatten. Das ist zu wenig. Wenn andere Filialen 120 Prozent schaffen, warum dann Sie nicht?“ Dass im strukturschwachen Ruhrgebiet Geldanlage nicht gerade der Renner ist, will er nicht hören. Auch dass in der vergangenen Woche zwei Kollegen krank waren, lässt er nicht gelten. Jeder Einzelne muss ran und vor den anderen berichten, was er verkauft hat.
Ähnlich wie bei der SEB muss ein Commerzbank-Mitarbeiter bestimmte Ertragsvorgaben erreichen, unterteilt in Ziele für bis zu fünf einzelne Produkte. Hierzu heißt es von der Commerzbank: „Vorgesetzter und Mitarbeiter vereinbaren gemeinsam individuelle Ziele, deren Umsetzung überprüft wird.“
„Die Liste mit dem, was man schon verkauft hat und welche Produkte in dieser Woche noch raus müssen, haben wir ständig präsent“, sagt Gisbert W. „Die Beratung der Kunden orientiert sich daran, was die Bank will, und nicht daran, was der Kunde braucht.“ Für diese Aussage nachvollziehbar, als sie nicht der Beratungsrealität der Commerzbank entspricht“, heißt es in einer Stellungnahme der Bank.
Nun ist an jenem Montagmorgen Gisbert W. an der Reihe. „Halten Sie sich selbst für einen Gewinn für die Filiale“, fragt ihn sein Chef. „Ich hoffe schon“, antwortet der Berater. Daraufhin fragt der Chef die Kollegen: „Halten Sie den Kollegen für eine Bereicherung?“ Die Antworten fallen kurz aus. „Du musst mal zu Potte kommen“, sagt einer. „Du musst mal ein paar Leute mehr anrufen, wenn du Fonds verkaufen willst“, sagt ein anderer. Jeder darf – und soll – in dieser Runde offen sagen, was er von den Leistungen der anderen hält.
Von der Commerzbank heißt es hierzu, dass Leistungen eines einzelnen Mitarbeiters nur im direkten Gespräch mit dem Vorgesetzten und nicht in der Gruppe besprochen würden. „Darüber hinaus gehören auch Teamrunden in unserer Bank ganz selbstverständlich zur Führungskultur unseres Hauses.“ Dazu, ob Krankenstände bei der Festsetzung der Teamziele berücksichtigt werden, wollte sie sich nicht äußern.
Montag, 15 Uhr, in einer Filiale der Deutschen Bank im Rhein-Main-Gebiet. Jetzt ist Christiane B.* dran. Sie muss zum Leistungsgespräch. Den ganzen Tag über hat die Deutsche-Bank- Mitarbeiterin ständig auf die Uhr geschaut, es hat ihr gegraut vor diesem Moment. Wie jedes Mal. Sie betritt das Büro ihres Chefs, setzt sich ihm gegenüber an den Schreibtisch. „Was können wir für Sie tun“, fragt er. „Fühlen Sie sich nicht wohl bei uns?“ Sie blickt ihn nur an und schweigt. „ Sie sind nicht richtig bei der Sache. Sie schließen viel weniger Verträge ab als ihre Kollegen. Das muss besser werden. Sie müssen mehr verkaufen, dafür sind Sie hier.“ Christiane B. nickt nur.
Sie weiß nicht, was sie noch sagen soll. In den ersten Gesprächen hat sie noch versucht zu erklären, wie viele Termine sie ausmacht, wie sie versucht, die Kunden zu überzeugen. Aber jetzt will sie das Gespräch nur irgendwie durchstehen. Eigentlich glaubt sie nicht, dass sie wirklich so schlecht abschneidet, die anderen haben schließlich auch nicht mehr Kundentermine als sie. Und erst in der vergangenen Woche lief eine Kollegin nach dem Vertriebsleistungsgespräch weinend aus dem Büro des Filialleiters. Aber Christiane B. Weiß nicht, wo sie steht. Darüber, wie viel sie verkaufen, reden die Kollegen nicht. „Das behält jeder für sich“, sagt sie. „Ich glaube, jeder hat Angst davor, dass er am Ende doch der Schlechteste ist.“ Die Deutsche Bank wollte sich nicht dazu äußern, ob es zutrifft, dass jeder Mitarbeiter individuelle Vertriebsziele zu erfüllen hat und ob es regelmäßige Vertriebsleistungsgespräche gibt.
Eine Ruhrgebietsstadt am späten Nachmittag. Marlene I. ist Mitarbeiterin einer SEB-Filiale. Sie hat Feierabend. Endlich. Heute, so denkt sie, wird sie entspannt nach Hause gehen können. An einem Tag hat sie so viel Geschäft gemacht, wie sonst in einer Woche. Eigentlich Grund genug, um eine Flasche Champagner zu köpfen. Aber als sie sich auf den Heimweg macht, kassiert sie Schelte vom Vorgesetzten; er beklagt sich, dass sie heute nicht einen einzigen Konsumentenkredit verkauft hat. Morgen müsse sich das ändern.
Bei den Kollegen wird der Erfolg ebenfalls für wenig Freude sorgen, das weiß sie jetzt schon. Zwar verbessert er die Stellung der Filiale im Vergleich zu den anderen Niederlassungen, doch „wenn einer outperformt, setzt das die anderen unter Druck. Dann wird von ihnen auch mehr erwartet“, sagt Marlene I. Wenn andere Kollegen mehr Ertrag abliefern, kann auch ein Mitarbeiter, der seine Ziele erfüllt, im internen Ranking nach unten rutschen. Gehört er zu den fünf bis zehn Prozent derer, die am wenigsten verkauft haben, gilt er als „Low-Performer“ – und steht auf der Abschussliste, wenn die Zahlen nicht binnen drei Monaten besser werden. Die SEB kommentierte das nicht.
Dabei ist es gar nicht so einfach, einen „Schlechtleister“ loszuwerden. „Wenn Mitarbeiter einen Bonus dafür erhalten, dass sie ihre Ziele erreichen, kann man ihnen nicht kündigen, nur weil sie die Ziele nicht geschafft haben“, sagt Regina Glaser, Anwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Düsseldorf. „Unterschreitet jedoch ein Mitarbeiter dauerhaft mehr als ein Drittel der durchschnittlichen Arbeitsleistung der vergleichbaren Kollegen und kann der Arbeitgeber dies anhand objektiv messbarer Ergebnisse darlegen, dann kommt gegebenenfalls nach vorheriger Abmahnung eine Kündigung in Betracht.“ Das sei aber schwer nachzuweisen, „da es auch an den Kunden liegen kann, dass ein Berater weniger Abschlüsse gemacht hat“, sagt Glaser.
Die von der WirtschaftsWoche interviewten Mitarbeiter wissen von subtileren Methoden als der blanken Kündigung. „Bei uns ist es vorgekommen, dass alle Filialmitarbeiter Überstunden machen mussten, weil ein Einziger seine Ziele nicht erfüllt hat“, berichtet ein Betriebsrat einer Frankfurter Großbank. „Das wurde so lange gemacht, bis alle genügend Druck auf den Kollegen ausgeübt haben, dass er gegangen ist. So etwas hält niemand aus.“
Gerhard W.*, Kundenbetreuer der HypoVereinsbank (HVB), berichtet, dass in seiner Abteilung Listen aushängen, die Auskunft darüber geben, welcher Mitarbeiter mit welchem Volumen zum Teamziel beigetragen hat. Die HVB bestreitet das. „Wer dauerhaft schlecht abschneidet, hat einen schlechten Stand bei den Kollegen“, sagt Gerhard W. „Es wird über die Schlechten gelästert, wenn sie dabei sind. Sie sollen ein schlechtes Gefühl bekommen, damit sie sich mehr anstrengen. In meinem Team gab es jemanden, der wurde irgendwann einfach ignoriert. Man hat so getan, als gebe es ihn gar nicht. Er wurde weder gegrüßt noch hat jemand mit ihm geredet.“
Der Kampf jeder gegen jeden hat in vielen Filialen die Teamarbeit abgelöst. Individuelle Vertriebsziele haben sich auf breiter Basis in der Bankenlandschaft durchgesetzt. „In Sachen Vertriebsdruck sind die privaten Banken Trendsetter. Volksbanken und Sparkassen folgen. Sie hinken nur etwas hinterher“, sagt Verdi-Vorstand Foullong. Offiziell formulieren einige Institute zwar bis heute nur Verkaufsziele auf Ebene der Filialen. „Doch die Filialleiter brechen die Ziele auf jeden einzelnen Mitarbeiter herunter“, bestätigen mehrere Mitarbeiter der Dresdner Bank gegenüber der WirtschaftsWoche. Die Dresdner Bank bestreitet das.
In manchen Banken werden die Ziele sogar mit konkreten zeitlichen Vorgaben verknüpft. HVBMitarbeiter Gerhard W. berichtet, er dürfe für eine Baufinanzierungsberatung höchstens eine Stunde aufwenden. Sonst gebe es Ärger mit dem Vorgesetzten. Die HVB bestreitet auch das.
Bei der DB Direkt, der Direktbank-Gesellschaft der Deutschen Bank, soll ein Mitarbeiter für das Gespräch mit einem Kunden, der eine Überweisung tätigen will, inklusive Nachbearbeitung durchschnittlich höchstens 2.50 Minuten aufwenden. So lautet, wie Betriebsräte der WirtschaftsWoche bestätigen, die Vorgabe des Arbeitgebers. Für Expertengespräche, zu denen etwa der Abschluss eines Kreditkartenvertrags gehört, liegt die Vorgabe bei 3.35 Minuten, für Wertpapiergeschäfte inklusive Nachbearbeitung bei vier Minuten.
Ein Teil der Gehälter wird bei der DB Direkt nur dann ausgezahlt, wenn die Mitarbeiter ihre Ziele erreichen. Doch das scheint kaum möglich. Die Wertpapierexperten haben ihr Zeitziel seit der Einführung 2003 nicht einmal erreicht. Die Mitarbeiter, die für Expertengespräche zuständig sind, haben ihr Ziel bis 2005 erreicht. Dasselbe gilt für Mitarbeiter, die sich um Tätigkeiten wie Überweisungen kümmern – dann wurde die Zeitvorgabe verschärft. Seitdem verfehlen auch sie ihr Ziel. Das berichten Betriebsräte und Mitarbeiter. Die Deutsche Bank will sich dazu nicht äußern. In einer Stellungnahme heißt es, dass „der Kunde und seine Erwartungen an die Bank im Mittelpunkt“ stünden. „Entsprechende Servicekomponenten, die wir monatlich durch ein unabhängiges Institut im Dialog mit unseren Kunden überprüfen lassen, werden unmittelbar als Messpunkte für die Zielerreichung herangezogen.“ Das Kriterium „Gesprächszeit ist in diesem Modell nachgelagert“.
Die Mitarbeiter empfinden die Zeiterfassung nicht als nachrangig – sondern als deprimierend. Ihnen werde ständig das Gefühl vermittelt, sie seien nicht gut genug, sagt ein Angestellter.
Dieses System der Angst hat Folgen. Nach einer Mitarbeiterbefragung des Commerzbank- Betriebsrats aus dem Jahr 2006 hagelte es deprimierende Erfahrungsberichte, die im Intranet veröffentlicht wurden. „Seit Monaten kann ich in der Nacht zu Montag kaum schlafen. Pro Woche schlage ich mir meist noch ein bis zwei weitere Nächte um die Ohren.“ Ein Filialleiter schreibt, dass er „montagmorgens überwiegend in desillusionierte Gesichter“ schaut. „Auch gar nicht mehr zur Ruhe.“ „Am Wochenende kann ich nicht abschalten, weil ich weiß, was mich in der nächsten Woche erwarten wird.“ „Es tut weh, MA (MA: Mitarbeiter, Anm. d. Red.) weinen zu sehen, weil sie sich angesichts der hohen Ziele in einer strukturschwachen Filialgegend als „Verlierer“ oder „Versager“ fühlen“, ist dort zu lesen.
Dass es sich hierbei nicht nur um eine kleine Zahl enttäuschter Commerzbanker handelt, wird gestützt durch eine Untersuchung der Krankenkasse DAK. Demnach halten 45 Prozent der befragten Vertriebsmitarbeiter im Kreditgewerbe, die an sie gestellten Zielvorgaben für unrealistisch. Auffällig ist auch, dass psychische Erkrankungen hier häufiger vorkommen als in anderen Branchen. In 12,4 Prozent aller Fälle melden sich Arbeitnehmer im Kreditgewerbe aus psychischen Gründen krank. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Fehlzeitenreport der Krankenkasse AOK. Demnach nahm die Anzahl der Tage, die Bankmitarbeiter in Deutschland wegen psychischer Erkrankungen fehlten, zwischen 1995 und 2006 um 43 Prozent zu, die Zahl der einzelnen Fälle gar um 70 Prozent.
Für die Kunden ist die Verwandlung der Berater in einfache Verkäufer eine Katastrophe. „Sie können sich nicht sicher sein, ob sie ein Produkt empfohlen bekommen, weil es wirklich gut ist oder weil es in dieser Woche noch verkauft werden muss“, sagt Dresdner-Bank-Beraterin Claudia S. „Ich habe Kunden über den Tisch gezogen und habe ihnen Produkte mit schlechten Konditionen verkauft“, sagt HVB-Mitarbeiter Gerhard W. Die Dresdner Bank wollte zu der Aussage keine Stellungnahme abgeben. Von der HVB heißt es: „Durch die Transparenz des Baufinanzierungsmarktes hat jeder Kunde die Möglichkeit eine Finanzierung abzuschließen, die seinen Vorstellungen hinsichtlich Produkt und Kondition entspricht.“
Ein Mitarbeiter einer großen Sparkasse berichtet, dass er regelmäßig Darlehen zum Hausbau nur unter der Bedingung gegeben hat, dass die künftigen Immobilienbesitzer auch eine Gebäudeversicherung abschließen. Die Versicherung brachte zusätzlichen Ertrag. Mitarbeiter der Commerzbank und der SEB Bank bekennen gegenüber der WirtschaftsWoche, dass sie Kunden dazu motivieren, ihre Wertpapiere gegen andere einzutauschen, sobald sie Gewinn gemacht haben, „auch wenn davon auszugehen ist, dass die Papiere noch gut laufen und der Verkauf nachteilig für den Kunden sein wird“, sagt SEB-Beraterin Marlene I.
Der Bank bescheren sie damit Einnahmen durch Ordergebühren und bringen sich selbst aus der Schusslinie. Von der Commerzbank heißt es hierzu, diese Behauptung „ist für uns nicht nachvollziehbar. Verkaufsempfehlungen werden nur aufgrund einer aktuellen Markteinschätzung und der Anlageziele des Kunden getroffen“. In einer schriftlichen Stellungnahme der SEB heißt es, „wir betrachten es als ein Zeichen von Kundenorientierung und aktiver Kundenansprache, Wertpapierkunden auch darauf hinzuweisen, Gewinne zu realisieren, insbesondere in diesen turbulenten Börsenphasen. Ob die Wertpapiere weiter gestiegen wären, ist reine Spekulation“.
„Viele Berater haben mit inneren Konflikten zu kämpfen“, sagt Gewerkschafter Foullong „sie stehen vor der Wahl, einem Kunden ein Produkt zu verkaufen, das er vielleicht gar nicht braucht, oder ihr Ziel nicht zu erreichen.“ Der Mitarbeiter einer ausländischen Großbank gibt zu, dass er Anlegern riskante geschlossene Fonds so schmackhaft gemacht hat, bis sie endlich unterschrieben. „Ich konnte wochenlang nicht schlafen. Der Kunde tat mir leid, aber ich hatte auch Angst, dass alles rauskommt“, sagt er. Als er seinem Chef davon erzählte, soll der ihm auf die Schulter geklopft und gesagt haben: „Mach dir keine Sorgen, es passiert schon nichts.“Dergleichen kommt nicht nur bei den großen Banken vor, wie der Fall Dieter P.* zeigt.
Bei der Weberbank in Berlin, einem Institut, das vor allem reiche Privatkunden bedienen will, liegt der Kundenbesprechungsraum im Erdgeschoss am Hohenzollerndamm. Milchglasscheiben sorgen für Diskretion. Lichtspots an der Decke leuchten den Raum aus. An einem ovalen Tisch aus hellem Holz treffen sich die Wohlhabenden mit den Bankern. Die Kunden kennen ihre Berater meist lange Jahre, sie verbindet ein Vertrauensverhältnis. Doch das Vertrauen ist nicht immer gerechtfertigt. Vor allem bei älteren Kunden habe er das Vertrauen ausgenutzt, bekennt Weberbank-Berater Dieter P. „Ich habe einem fast 80 Jahre alten Mann eine individuelle Vermögensverwaltung verkauft“, sagt er, „obwohl das zweifelsohne nicht mehr das Richtige für ihn war.“
Bei einer individuellen Vermögensverwaltung muss der Kunde mindestens 500.000 Euro in ein Depot einzahlen, mit dem die Bank dann arbeitet. Sie investiert das Geld dann etwa in Aktien. Weil hier allerdings naturgemäß Schwankungen an den Märkten einkalkuliert werden müssen, sollte laut Dieter P. Seriöserweise immer mit einer Laufzeit von mindestens fünf Jahren gerechnet werden. „Das kann man keinem alten Kunden ohne erkennbaren Erbhintergrund empfehlen“, sagt der Berater. „Trotzdem habe ich das gemacht. Die Erträge für eine separate Vertriebsaktion haben gewunken.“ Es könne „absolut angezeigt sein, einem fast 80 Jahre alten Mann eine Vermögensverwaltung zu empfehlen“, sagt Wolfgang Harth, Leiter des Privatkundengeschäfts der Weberbank in Berlin dazu.
Einer anderen Kundin, die sich in Finanzangelegenheiten nicht auskannte, hat Dieter P. empfohlen, einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens in einen Lebensversicherungsfonds zu investieren. Das Geschäft war mit neun Prozent der Anlagesumme für die Bank hoch provisioniert – und das war für Dieter P. die einzige Motivation der Kundin das Produkt zu empfehlen. Harth sagt, dass einzig die Kundenbedürfnisse Grundlage der Beratung seien.
Dieter P. sieht das anders. Er erklärt, dazu aufgefordert worden zu sein, gerade hoch provisionierte Produkte zu verkaufen. Zudem werde dafür gesorgt, dass jeder Berater sehen kann, wo er im internen Vertriebsranking steht. „Es werden Listen mit allen Einzelabschlüssen bei der Teamassistenz geführt. Die sind für alle Teammitglieder jederzeit einsehbar“, sagt er. Weberbank-Vorstand Klaus Siegers dagegen erklärt, die Listen könnten nicht von allen Teammitgliedern eingesehen werden, sie dienten vielmehr der Teamleitung zur Ertragskontrolle. „Innerhalb eines Teams sind Teilaspekte (ca. 30% der Geschäfte) von den anderen Teammitgliedern einsehbar“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.
Im ersten Gespräch mit einem Kunden horcht Dieter P., so berichtet er, ganz genau nach, wie gut der sich auskennt. Die informierten und selbstbewussten Kunden seien unbeliebt und würden im Kollegenkreis als „Patienten“ bezeichnet. Harth bestreitet das.
Dass sich am Umgang mit den Kunden durch die seit Anfang des Jahres geltende Finanzmarktrichtlinie MiFID etwas ändert, glaubt Dieter P. nicht. Eigentlich sollte sie die Rechte der Verbraucher stärken, sie schreibt vor, dass Berater ihre Provisionen offenlegen.
Doch zum einen würden die Gebühren nur im Kleingedruckten aufgeführt. Zum anderen schütze auch die Richtlinie den Kunden nicht davor, dass ihm ein günstigeres oder für ihn geeigneteres Produkt vorenthalten wird.
Grund genug für ein schlechtes Gewissen? „Ein schlechtes Gewissen kann ich mir nicht leisten“, sagt Dieter P. Der Ertrag der Bank soll jährlich gesteigert werden. „Dafür bezahlt mich die Bank.“
Genau das ist das Grundproblem. Die Berater werden von den Banken bezahlt, sollen aber eigentlich im Sinne der Kunden handeln. Damit sich die Kunden der Loyalität des Beraters sicher sein könnten, müssten sie ihn bezahlen. Die Quirin Bank in Berlin verlangt von Kunden daher eine Pauschale und zahlt ihnen als Gegenleistung die Provisionen aus, die sie von den Produktanbietern bekommt. Das Modell konnte sich aber bisher nicht durchsetzen. „Durch den Preiskampf der Banken hat sich in der Bevölkerung die Vorstellung durchgesetzt, dass bei den Banken vieles umsonst ist“, sagt Ex-Banker Schade.
So wird aus einer Beratertruppe eine Drückerkolonne: „Wenn ein Kunde unzufrieden mit mir ist, halte ich das eher aus, als wenn mein Chef unzufrieden ist“, sagt Weberbanker Dieter P. „Denn der Kunde sitzt nur ein- bis zweimal im Jahr vor mir. Außerdem kann ich ihm meistens etwas vormachen. Vor meinem Chef muss ich mich einmal die Woche rechtfertigen. Abwechselnd alleine beim Vertriebsleistungsgespräch und mit meinen Kollegen bei der Teambesprechung. Vor ihm kann ich mich nicht herausreden.“ Die Weberbank bestreitet, dass es diese Vertriebsleistungsgespräche gibt. Stattdessen würde in den Mitarbeitergesprächen über aktuelle Marktentwicklungen gesprochen. Dabei ginge es darum, gemeinsam zu erörtern, welche Anlageprodukte „für welche Kunden angesichts der jeweils aktuellen Lage opportun sind“, heißt es.
Was für die Kunden opportun ist – die Muße, sich darüber Gedanken zu machen, hat SEBBeraterin Karina B. nicht. Ihr graut am Mittwoch schon wieder vor dem Ende der Woche. Denn ob sie ihr Verkaufsziel in der Sparte Vorsorge noch schafft, ist ungewiss. Wenn der Kunde, der jetzt vor ihr sitzt, nicht unterschreibt – dann erst recht. Dann, so fürchtet sie, wird sie sich anhören müssen, dass sie ein „Low-Performer“ ist. Und dass sich ihr Arbeitgeber so eine Angestellte nicht leisten kann.